Eine Krankheit, die unter Christen noch ein Tabu ist

Fördert der christliche Glaube Depressionen?

Interview vom 10.07.2013 bei ERF

Nicht hinter jedem emotionalen Unwohlsein steckt eine ausgeprägte Depression. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass sich diese Erkrankung zu einer Art Volksleiden entwickelt. Prof. Dr. Ulrich Giesekus leitet das Beraternetzwerk „BeratungenPlus“ und lehrt Psychologie und Seelsorge an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Neben dieser Arbeit bietet er Seminare und Vorträge in Kirchengemeinden an, damit Christen von seinen Erfahrungen im Umgang mit Depressionen profitieren. ERF Online hat mit ihm über Glaube und Depression gesprochen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Glauben an Gott und der Erkrankung der Seele?

 

ERF Online: Herr Dr. Giesekus, Christen neigen dazu sich ständig selbst zu hinterfragen und durch Disziplin und Selbstkasteiung verbessern zu wollen. Fördert der christliche Glaube durch Schuldgefühle und Sündenbewusstsein Depressionen, oder verhindert er diese Erkrankung eher?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Das hängt von dem jeweiligen Glauben ab! Ein gesetzlicher und selbstzerfleischender Glaube ist natürlich schädlich. Sehr viele Menschen aber – und zwar die deutliche Mehrheit – können durch ihre Glaubenspraxis Trost, Zuspruch, Mut und Hoffnung gewinnen und mit Krisen besser umgehen.

 

Auch wenn es schädliche Formen des Glaubens gibt: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen eindeutig, dass der Glaube eine starke Ressource im Umgang mit Krisen ist. Insgesamt kann man festhalten, dass Glaube nicht nur präventiv, sondern auch heilsam ist. Aber natürlich gibt es hier auch Ausnahmen.

 

"Leid ist nie gewollt"

 

ERF Online: Christen sind durch ihren Glauben an einen wohlwollenden Gott also auf besondere Weise gegen Depressionen gewappnet. Müssten sie dann im Vergleich nicht weniger an Depressionen erkranken als Nicht-Christen?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Eine genaue Statistik habe ich dazu nicht im Kopf. Es gibt aber weit über 1000 Untersuchungen zum Thema Glaube und Gesundheit. Fast alle zeigen: Die Widerstandskraft gegenüber krankmachenden Faktoren ist bei gläubigen Menschen deutlich höher.

 

ERF Online: Treten Depressionen bei Christen dann deshalb auf, weil sie zu wenig Glauben haben?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Depressionen haben viele Ursachen, von erblicher Veranlagung über Kindheitserfahrungen und Traumatisierung bis hin zu Mobbing am Arbeitsplatz oder inneren Einstellungen. Eine Depression auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist immer eine starke Verkürzung! Die meisten Gläubigen erleben in ihrem Glauben eine starke Hilfe, zum Beispiel durch Gebete, Lieder oder christliche Gemeinschaften, in denen sie sich aussprechen können. Dadurch erleben sie eine Erleichterung – auch im Bereich ihrer traurigen Gefühle.

 

Eine echte Depression kann angefangen von der Schilddrüsenerkrankung bis hin zu emotionalem Stress alle möglichen Ursachen haben. Im Einzelfall kann man nie sagen: Diese Depression hat genau diese Ursache. Oft lässt es sich von der Krankheitsgeschichte her vermuten. Aber selbst bei einem Menschen, der als Kind schwer missbraucht wurde, muss man körperliche Untersuchungen durchführen, einfach um sicherzugehen, dass auch diese Depression, obwohl es so naheliegend scheint, nicht auf eine andere Erkrankung zurückgeht.

 

ERF Online: Dennoch: Depressionen treten auch ohne einen sofort ersichtlichen Auslöser auf. Gehören depressive Gedanken vielleicht einfach zum Leben als Christ dazu, wenn man gemäß Phil. 2,12 „seine Rettung mit Furcht und Zittern erarbeiten“ und am Leiden Jesu teilhaben will?

 

Dr. Ulrich Giesekus: So ein Denken entsteht, wenn Texte außerhalb des Gesamtkonzepts betrachtet werden. Der Leser könnte auf die Idee kommen, dass er sich selber Leiden zufügen muss. Darum geht es in diesem Bibeltext aber nicht, sondern um ein Verständnis dafür, warum Leid passiert. Leid ist nie gewollt! Weder von Gott, noch von gesunden Menschen.

 

Es ist eine große Hilfe, sein eigenes Leiden als solidarisches Leiden mit Jesus einzuordnen. Auch in Verbindung mit Glaubensgeschwistern weltweit, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden. Aber ein schlechtes Gewissen zu bekommen, weil es mir gut geht und ich gerade nicht leide, ist eine völlig falsche Interpretation dieser Stelle.

 

Elias Burnout und Gottes späte Korrektur

 

ERF Online: Depressionen sind also nicht fester Bestandteil des Glaubens. Vielleicht sind sie manchmal eine Strafe Gottes?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Ganz sicher nicht! Krankheiten können aber, wie alle Krisen im Leben, einen Menschen dazu bringen, sein Leben anders zu gestalten. Ein Burnout zum Beispiel lässt Menschen ihre Werte überdenken: „Warum bin ich eigentlich so auf meine Leistung fixiert?“ Gott redet durch Krisen, aber eine Depression als Strafe zu bezeichnen, würde die Kernbotschaft des Evangeliums reduzieren. Die Strafe – also die Wiedergutmachung für Schuld – hat Jesus getragen.

 

Gott kann aus schlimmen Dingen zentrale und sogar gute Erfahrungen werden lassen. Das ist natürlich erst im Rückblick definierbar. Es wäre jedoch ein Schlag ins Gesicht, depressiven Menschen zu sagen: „Die Depression wird dir nutzen. Alle Dinge werden doch denen, die Gott lieben, zum Besten dienen.“

 

Ehemalige Depressive sagen von sich: Ich wünsche meine Erlebnisse nicht mal meinem schlimmsten Feind und will so etwas nie wieder durchmachen, aber auf die Erfahrung verzichten möchte ich auch nicht. Krisen können also Menschen tatsächlich voranbringen.

 

ERF Online: Von solch einer Krise lesen wir in der Bibel bei Elia (1. Könige 19), der wortwörtlich zu Tode betrübt war und daraufhin von einem Engel versorgt wurde. Wie sorgt Gott heute für Depressive, die keinen Sinn mehr im Leben sehen?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Bei Elia könnten wir heute ein Burnout diagnostizieren. Er hatte gerade einen großen Erfolg hinter sich. Besonders nach großer Anstrengung wird ein Mensch sensibel für emotionale Schwankungen. Heute wie damals ist der erste Schritt ganz simpel: Essen, Trinken, Schlafen. Dann lief Elia 40 Tage durch die Wüste: Heilung braucht Zeit und Bewegung. Es hilft einem nicht weiter, unter einem Baum sitzen zu bleiben und in seinen trüben Gedanken zu versacken. Erst am Schluss der Geschichte begegnet Elia am Berg Horeb Gott – nicht im Donner oder Sturm, sondern in der Stille eines sanften Säuselns.

 

Auch heute brauchen Depressive zuerst neue Kraft für ihren Körper. Ein Ziel anvisieren und Gott begegnen kann der Betroffene erst, wenn er diese erlangt hat und ahnt: Gott war die ganze Zeit über nah bei mir. Oft wollen wir diesen Prozess umdrehen, die Begegnung mit Gott an den Anfang stellen, obwohl sich die depressive Person psychisch, seelisch und körperlich noch nicht erholt hat. Ein Blick nach vorn ist zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht möglich. Elia erkennt erst später, dass er nicht allein war, sondern dass viele mit ihm an den Gott seiner Väter geglaubt haben. Dieses Gefühl der Einsamkeit, das er Gott klagt, stellt sich als falsch heraus. Aber Gott korrigierte ihn da nicht sofort, sondern gab ihm zuerst Halt und Ruhe.

 

Gemeinde oder Schäferhundezüchterverein?

 

ERF Online: Elia suchte in seiner Krankheit immer wieder das Gespräch mit Gott. Welche Rolle können Gebet und Glaube heute dabei spielen, wenn ein Christ von seinen Depressionen frei werden möchte?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Es gibt Leute, die sich mit „Ach-ich-armer-Wurm“ – Gebeten selbst herunterziehen. Andere verstauen all ihren Selbsthass und ihre neurotische Selbstverneinung in ihrem Gebet. Gott hört diese Gebete aber dennoch und weiß, wie es gemeint ist.

 

Das klagende Gebet ist wichtig. Obwohl es in der Bibel oft erwähnt wird, nehmen es viele Christen nicht als legitime Gebetsform wahr. Aber gerade durch das Klagen kommt der Beter Gott nahe. Im Gebet stellen Depressive fest: Trotz allem, was mir Mühe macht, bin ich ein gesegneter Mensch. Gebet ist keine Meditation, durch die ich mir selbst etwas einrede. Es bringt den Menschen ins Gespräch mit dem lebendigen Gott, der keinen vergessen hat, auch wenn er weit weg scheint oder nicht wie gewünscht auf Gebete reagiert. Am Ende hat er die Oberhand.

 

ERF Online: Diese Erfahrung ist wertvoll, aber soweit muss man es ja nicht erst kommen lassen. Welche Möglichkeiten gibt es für Christen, sich in besonderer Weise vor Depressionen zu schützen?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Viele Christen tun es, ohne es zu wissen. Zum Beispiel indem sie sich in ein gutes soziales Netz einklinken, das eine quasi-familiäre Gemeinschaft darstellt. Auch das Bewusstsein der eigenen Erlösung und das Wissen, dass ich mir meine Gerechtigkeit vor Gott nicht erkaufen oder verdienen muss, schützt Menschen vor depressiven Gedanken.

 

Wer von sich weiß, dass er ein geliebtes Geschöpf Gottes ist, lebt befreiter. Natürlich sind wir nicht so perfekt, wie Gott uns gemeint hat. Aber er hat uns dennoch gewollt. Um es mit Professor Hans-Joachim Eckstein zusagen: "Du kannst Gott nicht enttäuschen, weil er sich in dir nie getäuscht hat." Christen, die das Ja Gottes zu ihrem Leben deutlich spüren und davon leben, haben in Stresssituationen Mut und Standkraft.

 

ERF Online: Dieses soziale Netz, von dem Sie sprechen – muss das zwangsläufig eine Kirchengemeinde sein?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Nein, es könnte auch ein Sportverein sein oder irgendein anderes soziales Netz. Aber: Bei allem was in christlichen Gemeinden auch an Wildwuchs vorkommen mag, zum Beispiel Intrigen oder Machtmissbrauch – im Großen und Ganzen sind sie ein familienähnliches Netzwerk, in dem man gleiche Werte vertritt und mit Menschen aller Generationen zusammen ist. In einem Schäferhundezüchterverein aber die Leih-Oma für den Dreijährigen zu finden, der mir gerade die letzten Kräfte raubt, ist eher unwahrscheinlich. Christliche Gemeinden sind ein wunderbares soziales Netz. Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

Gesund durch Medikamente und Beratung?

 

ERF Online: Was raten Sie Christen, die trotz aller Bemühungen nicht von ihren Depressionen frei werden?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Es gibt eben keine Garantie. Alle Anstrengung ist aber deswegen nicht falsch. Die meisten Depressionen verschwinden, einige Menschen leiden immer mal wieder an einer depressiven Episode. Die wenigen, aber schlimmen chronischen Depressionen, an denen Menschen über Jahre leiden, werfen Experten noch Rätsel auf. Wir wissen dabei wenig über die Ursachen. Manche Christen empfinden trotz anhaltender Depression aber den Glauben an Gott und die Beziehung zu Glaubensgeschwistern als Stärkung. Eine Depression bleibt eine schreckliche Krankheit und wer chronisch darunter leidet, wird vermutlich auch immer wieder an Gott verzweifeln. Ich erlebe aber zum Glück einen Gott in der Bibel, der das aushält.

 

ERF Online: Halten Sie Gemeinden im Umgang mit depressiven Menschen für überfordert oder können sie sogar helfen, Depressive vor diesem Zweifel an Gott zu bewahren?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Es gibt Gemeinden, die mit ausgebildeten Seelsorgern ausgerüstet und damit sehr gut aufgestellt sind. Außerdem gibt es viele Selbsthilfegruppen für Menschen mit seelischen Nöten. Vereinzelt sehen sich Gemeinden mit ihrer eigenen Machtlosigkeit konfrontiert und machen den Depressiven dann Vorwürfe: Ich kann dir nicht helfen, also musst du was falsch machen. Es gibt schlimme Fälle, in denen Gemeinden Depressionen mit Sünde im Leben des Erkrankten in Verbindung setzen, weil sie unwissend sind und sich nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt haben. Immer mehr Gemeinden verfügen aber über ehrenamtliche ausgebildete Seelsorger und pflegen einen guten Umgang mit seelisch Kranken.

 

ERF Online: Welche praktischen Tipps können Sie Angehörigen und Freunden von depressiven Christen für den Umgang mit Spannungssituationen geben?

 

Dr. Ulrich Giesekus: Zuerst ein Rat an direkt Betroffene: Bitte suchen Sie fachkundige und professionelle Beratung auf, wenn möglich unter Einbeziehung von Glaubensstrukturen. Es gibt mittlerweile in den meisten Gegenden von Deutschland gut ausgebildete Therapeuten, die den christlichen Glaubenshintergrund teilen. Falls dies nicht gegeben ist, kann eine gute professionelle Behandlung mit seelsorgerlicher Unterstützung in der Gemeinde verbunden werden.

 

Ein weiterer Rat ist, ärztlich verschriebene Medikamente auch entsprechend einzunehmen. Depressionen sind ein ganzheitliches Phänomen, sie betreffen Geist, Seele und Leib. Ich bin Gott dankbar für Medikamente, weil sie einen positiven Einfluss haben auf die Emotionen und damit auch auf den Glauben, die Gedanken und Überzeugungen. Medikamente machen Gespräch oft erst effektiv. Gerade der Glaube bewirkt ja keine magischen oder mechanischen Änderungen, sondern hilft, sich in Gott zu bergen. Ich rate, die körperliche, psychische und geistliche Dimension als Herausforderung zu sehen und keinen dieser Bereiche außer Acht zu lassen.

 

Die Fragen stellte Jan Dück.

 

Quelle:

http://www.erf.de/2270-542-4379

DEPRESSION: In die Tiefe gezogen

idea Spektrum 10. November 2010

 

TABU UNTER CHRISTEN

Am 10. November vor einem Jahr hat sich der deutsche Nationalspieler – Robert Enke (Hannover 96) – das Leben genommen. Der 32-Jährige litt an Depressionen. Nie wurde in Deutschland so um einen Fußballer getrauert wie um ihn. Sein Schicksal bewegte damals halb Europa. Es führte immerhin dazu, dass eine Krankheit zum Thema (siehe den aktuellen „Stern“ und „Focus“ nach dem Tod von Enke) wurde, von der 340 Millionen Menschen weltweit betroffen sind: die Depression, die sich oft auch hinter einem Burn-out (Ausgebranntsein) verbirgt. Unter Christen wird immer noch kaum über diese Krankheit gesprochen. idea bat deshalb den früheren Generalsuperintendenten im brandenburgischen Cottbus und heutigen Theologieprofessor Rolf Wischnath, seine Erfahrungen zu schildern.

Die Krankheit verfolgt mich seit Jugendtagen. Sie wurde jahrzehntelang nicht richtig diagnostiziert, bis sie 1991 zum ersten Mal so zuschlug, dass ich sie vor niemandem mehr verbergen konnte. Ich musste für ein dreiviertel Jahr in psychiatrische Kliniken in Berlin und Göttingen. Danach war ich bis auf kleinere Schatten zehn Jahre gesund, bis mich 2001 ein neuer Angriff niederstreckte. Dieses Mal dauerte es „nur“ drei Monate. Dafür war die Erkrankung umso heftiger. Schließlich holte mich die Depression 2003 so schrecklich ein, dass ich monatelang in der Berliner Charité zubringen musste, auch um vor mir selbst geschützt zu werden. „Die Angst mich zum Verzweifeln trieb …“ (wie es in dem Kirchenlied: „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ heißt). Diese „Episode“ – so sprechen Ärzte von Depression – dauerte länger als drei Jahre.

 

ICH WURDE GEDRÄNGT
In dieser Zeit gab ich (auf Drängen hin) meine kirchlichen Ämter auf und verließ Brandenburg. Dass ich wieder gesund werden würde, habe ich nicht für möglich gehalten. Dass ich heute fest stehe, neue Aufgaben im heimatlichen Westfalen gefunden habe und hoffen darf, die Depression eingedämmt zu haben, verdanke ich der Hilfe Gottes. Sie hat sich unter anderem darin konkretisiert, dass ich eine Ärztin an der Universitätsklinik Münster fand, die endlich (aus Kenntnis und Intuition) eine Medikation verordnete – eine Mischung aus drei verschiedenen Medikamenten –, die mich aufleben ließ. Die Ärztin heißt übrigens mit Vornamen „Fatima“. Sie ist Muslima und spricht mit mir darüber, ob nach christlichem oder muslimischem Verständnis eine Depression von Gott kommt.

IN DER KIRCHE IST ES OFT SCHLIMMER
Wie immer die Antwort auf diese Frage ausfällt, so muss man leider von der verfassten Kirche sagen, dass sie sich in ihrer Haltung zur Depression in gar nichts von der Gesellschaft unterscheidet: Die Krankheit muss auch hier peinlich versteckt werden. Ja, in „der“ Kirche ist es oft noch schlimmer, weil die Depression mit „Glaubenslosigkeit“ und mangelnder Belastbarkeit und Dienstunfähigkeit in Verbindung gebracht und der Kranke oft frömmelnd stigmatisiert und isoliert wird: „Wenn er richtig glauben würde, hätte er’s nicht.“ Auch das habe ich erlebt.

 

HINTER BURN-OUT VERBERGEN SICH OFT DEPRESSIONEN
Unfasslich finde ich es, dass die einzige „offizielle“ kirchliche Stimme, die es m. W. zur Massenerkrankung Depression gibt, im letzten Jahr von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zu hören war: Unter dem modischen Titel „Stay wild statt burn out“ beschäftigt sich die lutherische Denkschrift mit dem „Ausgebranntsein“ vor allem kirchlicher Mitarbeiter. Auf ihren 124 Seiten kommt nicht ein einziges Mal das Wort „Depression“ vor. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb einmal: „Weit mehr als die Hälfte der Burn-out-Patienten sind in Wahrheit depressiv. Nur haftet dem Burn-out-Syndrom nicht der Makel des Versagens an. Im Gegenteil: Die Betroffenen gelten als Helden der Arbeit, die sich durch übermäßigen Einsatz im Job verschlissen haben.“

WAS GESCHIEHT IN EINER DEPRESSION?
Was aber geschieht in einer Depression? Bei mir begann die jeweilige Episode mit dem Gefühl grenzenloser Erschöpfung, die auch durch Schlaf und Urlaub nicht besser wurde. Im Gegenteil: Ruhephasen verschlimmerten die Kraftlosigkeit und das Elendsgefühl. Aus dieser Entkräftung wuchsen Hilflosigkeit und innere Leere, Angst und Verzweiflung. Ich konnte der Depression mit eigener Kraft nicht mehr entrinnen. Nur der feste Schlaf – meist erzwungen durch ein verschriebenes Schlafmittel – brachte eine Pause. Aber in der Regel war es dann in den Morgenstunden umso schlimmer. Überhaupt war bei mir das sogenannte „Morgentief“ monatelang katastrophal und nicht zum Aushalten. Allein das Rasieren war eine so übermäßige Anstrengung, dass ich es auf den Abend verschob, wo es auch noch mühsam genug war.

 

WAHNVORSTELLUNGEN
Zum Erschöpfungszustand gesellten sich nach einiger Zeit – es fällt mir schwer, davon zu sprechen – regelrechte Wahnvorstellungen: nichts mehr wert zu sein, nicht länger für mein Amt zu taugen, mich selbst und die Familie ruiniert zu haben, Freunde endgültig verloren zu haben, nie wieder gesund zu werden, in nahester Zeit sterben zu müssen - und von Gott verworfen zu sein. Ich hatte 2003 in der Charité einen Oberarzt, der sich nach jeder Visite mit dem Zuspruch verabschiedete: „Es geht wieder weg!“ Ich konnte es ihm nicht glauben.

 

TODESWÜNSCHE
Die Depression hat mir niemals Schmerzen gemacht, aber sie hat mich in die untersten seelischen und körperlichen Abgründe hinabgezogen: in die Tiefe. Ihre Abgründe habe ich erfahren als Zustände, die – subjektiv wahrgenommen – viel schlimmer waren als anhaltende Schmerzen. In ihrer Folge kam es zu massiven Todeswünschen, die sich allerdings bei mir nicht in Selbstmordabsichten verwandelten. Ich habe aber für diejenigen Mitpatienten Verständnis, die in der Depression sich selbst schlechterdings nicht mehr aushalten können.

 

EIN GESCHENK DES HIMMELS
Nachdrücklich möchte ich dafür werben, Vorbehalte gegen Medikamente, gegen die Antidepressiva aufzugeben. Sie sind in der Regel ein Geschenk des Himmels. Sie wirken auf den Stoffwechsel im Gehirn ein, weil organisch betrachtet die Depression eine schwere Stoffwechselstörung ist; und sie haben große Wirkkraft. Meine Besserung verdanke ich nicht der Psychotherapie, sondern der Dosierung hochwirksamer Medikamente, die ich jedoch mein ganzes Leben lang nehmen muss.

 

DEPRESSIONEN FÜHREN ZUR SCHEIDUNG
Wichtiger allerdings als Arzneien sind die familiären Lebenspartner, Freunde, die sog. „Brüder und Schwestern“ (so sie sich als solche erweisen), gute Kollegen und Nachbarn, charaktervolle Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger. Eine Depression räumt auf und führt zur Scheidung der Treuen von den Untreuen. Die Kleinen werden auf einmal groß, die Großen oft klein – sehr klein. Ich kann diese Erfahrungen nicht „heilsam“ nennen.

 

WARUM ERST JETZT DER GLAUBE?
Warum spreche ich erst jetzt vom Glauben? Weil bei mir auch der Glaube in die Tiefe gezogen wurde. Alle traditionellen Frömmigkeitsformen – Schriftlesung, Gebet, Gesang, Gottesdienst, Abendmahl – versanken in den Abgründen der Depression, fühlten sich an wie abgestorben. Sie kamen dann jedoch nach langer Zeit wieder: der Glaube, der Trost, der Segen, die Bibel, die Gewissheit (allerdings nie ohne Zweifel).

 

WAS ICH JETZT GLAUBE
Schaue ich auf mein depressives Exil zurück, ist mir einmal mehr der reformatorische Grundsatz wichtig geworden, dass der Glaube ganz und gar ein Geschenk der Gnade ist und ich nicht verantwortlich bin für ihn, erst recht nicht für seine armselige Gestalt in der Depression. Das jedoch kann ich nun wieder inwendig und auswendig sagen: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben und zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen … und erhalten“ (so Martin Luther in seiner Erklärung zum 3. Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses).

Den Stürmen des Lebens trotzen

SEELSORGE

Therapeuten über den Umgang mit negativen Erfahrungen

 

Immer mehr Menschen verlieren die Fähigkeit, den Stürmen des Lebens standzuhalten und sich trotz Krisen eine gesunde Psyche zu bewahren. Die Folge: Die Zahl von Patienten mit Depressionen steigt. Dieser Zusammenhang werde von Psychotherapeuten, aber auch Christen weitgehend übersehen, bedauerten Fachleute auf einer Tagung des bayerischen „Instituts für Therapeutische Seelsorge“ in Neuendettelsau/Mittelfranken. Sie kritisierten, dass Christen häufig meinten, der Glaube müsse negative Erfahrungen widerspruchslos hinnehmen. Dabei fördere der christliche Glaube die psychische Widerstandsfähigkeit, indem er zu Vertrauen, Dankbarkeit und Gelassenheit ermutige. Im Gebet könnten Christen über Belastungen mit Gott reden und ihn um Kraft bitten. Eine intensive Begleitung durch einen Seelsorger könne einem Großteil der Probleme vorbeugen. In schwierigeren Fällen sollte ein Facharzt hinzugezogen werden. Häufige Gründe für die abnehmende Fähigkeit, das Leben trotz widriger Umstände und hoher Belastungen ohne nachhaltige Schäden erfolgreich zu bewältigen, sind nach Angaben der Experten kaputte Elternhäuser und auseinanderbrechende Familien. Dadurch würden Jugendliche innerlich oft stark verunsichert, was zu Minderwertigkeitsgefühlen und tiefem Misstrauen führen könne.

Depressive fühlen sich besonders sündig

TIPPS eines Theologen & Arztes zum Umgang von Christen mit der Krankheit

 

Vier Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen, darunter auch viele Christen. Tipps zum Umgang mit der Krankheit gab der Arzt und Theo–loge Prof. Rudolf Meyendorf (München) auf einem Seniorentag des Landesverbandes Bayern im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Heiligenstadt (Oberfranken). Wie er sagte, sei eine schwere Depression wie ein starker, lange andauernder Schmerz. Sie müsse behandelt werden, sonst drohe eine Selbsttötung. Betroffene Christen fühlten sich häufig besonders sündig. Die Ursachen für Depressionen lägen oft im genetischen Bereich und nicht in einem möglichen Fehlverhalten. Symptome seien innere Leere, eine Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, Angst vor Krankheit oder einer scheinbar ungesicherten Zukunft sowie unbegründete Gefühle, gesündigt zu haben. Depressiv kranke Menschen scheuten sich nach Meyendorfs Worten fast immer, ihre Nöte in Familie, Arbeitsstelle oder Gemeinde zu offenbaren. Er empfahl Betroffenen, dringend medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei leichteren Fällen könne eine Psychotherapie für Linderung sorgen, in schweren Fällen seien Medikamente wie Antidepressiva ratsam. Durch sie gebe es oft erstaunliche und dauerhafte Verbesserungen. Meyendorf ist Autor des Buches „Depressionen und Angst“ (S. Hirzel Verlag/Stuttgart).