Reaktionen auf Rob Bells Buch Das Letzte Wort hat die Liebe

G. Walter

Die Reaktionen auf Rob Bells Buch Das letzte Wort hat die Liebe (Love Wins) hätten kaum kontroverser sein können. Von Zustimmung über gemäßigte Kritik bis hin zu scharfen Verurteilungen reicht das weite Spektrum an Reaktionen, die dieses Buch hervorgerufen hat. Eugene Peterson, Autor von The Message (freie moderne Bibelübertragung), empfiehlt dieses Buch ebenso, wie er das umstrittene Buch Die Hütte von William P. Young angepriesen hatte. Peterson erläutert: "Ich wusste, dass ich für diese Empfehlung kritisiert werden würde. Ich schrieb die Empfehlung, weil ich es gern sehen würde, dass Leute auf ihn [Bell] hören sollten. Er mag falsch liegen. Aber er tut etwas, was es wert ist, getan zu werden." Auf die Frage, ob Evangelikale ihre Lehre über Hölle und Verdammnis überdenken müssen, sagte Peterson: "Ja, ich nehme an, sie sollten dies überdenken. Sie sollten ein gutes Stück biblischer werden und Dinge nicht aus dem Kontext reißen."

Scott McKnight, ein Vertreter der Emerging Church, schrieb eine wohlwollende Kritik über Rob Bell und verteidigt ihn gegen den Vorwurf ein Universalist zu sein. Er lobt Bells Buch als einen Aufruf über die Lehre der Hölle tiefer nachzudenken. Dennoch räumt er ein: "Oben sagte ich, dass Bell kein Universalist ist, aber ich will dies differenzieren und muss sagen, dass Bells Schreibstil nicht immer klar ist. Er denkt, er kann sich aus der Schlinge präzisen Denkens ziehen, indem er sagt, er sei kein Theologe sondern ein Pastor." McKnight weiß um die lange Tradition des Christentums, das seit 1700 Jahren immer wieder über die Hölle und ewige Verdammnis debattierte. Wer zu einem solchen Thema schreibt, müsse sich zunächst mit dem Thema eingehend auseinandersetzen, bevor er ein Buch veröffentlicht, so McKnight. Ferner ist McKnight der Ansicht, dass Bells Reduzierung der Botschaft des Evangeliums auf die Liebe Gottes dem Neuen Testament unangemessen ist.

Die Evangelische Allianz Großbritanniens meldete sich mit einer kritischen Stellungnahme von Derek Tidball zu Wort (leider liegt meines Wissens von derDeutschen Evangelischen Allianz keine Stellungnahme vor). Anders als Peterson und McKnight äußerst sich Tidball in seiner Kritik schärfer. Er schreibt unter anderem: "Das Buch Love Wins [Das letzte Wort hat die Liebe] ist voll von verwirrenden Halbwahrheiten... Alttestamentliche Verse, die von Gottes Gnade sprechen, die über Israels Sünde triumphieren..., werden zusammengewürfelt. In diesem Zusammenhang erwähnt er niemals die Buße, wie die Propheten es tun... Vor allem ist das Buch Love Wins verwirrend. Ich sehe ein, warum Leute die Frage stellen, ob Rob Bell ein Universalist ist." Positiv erwähnt Tidball, dass Bell leidenschaftlich die Liebe Christi verkündigt und ruft die Kritiker Bells dazu auf, Bell in diesem Punkt als Vorbild zu nehmen. Überdies stimmt Tidball Rob Bells Kritik an den Evangelikalen zu, dass diese sich zu wenig sozial engagieren und oftmals ein zu schlechtes Image in der Öffentlichkeit haben.

Die Evangelische Allianz Großbritanniens hatte bereits im Jahre 2000 ein Buch mit dem Titel The Nature of Hell (Die Bedeutung der Hölle) veröffentlicht und klare Positionen formuliert:

1. Die Evangelische Allianz Großbritanniens verwirft ausdrücklich die Lehre des Universalismus (S. 24-34, 131).

2. Die Argumente für eine "zweite Chance" der Bekehrung nach dem Tod sind für die Evangelische Allianz Großbritanniens nicht überzeugend (S. 89-92, 131).

3. Ebenso verwirft die Evangelische Allianz Großbritanniens die Lehre der Allversöhnung (restitutionism, Wiederherstellung aller Dinge), wonach Menschen in der Hölle letztlich doch in den Himmel kommen werden. Die Verwerfung des Menschen in die Hölle ist unumkehrbar (S.81-89, 132-133).

4. Die Evangelische Allianz Großbritanniens lässt die Frage offen, welches Schicksal Menschen bevorsteht, die keine Möglichkeit hatten, auf den Ruf des Evangeliums zu antworten (Kinder, die früh versterben oder abgetrieben wurden, Behinderte usw.).

Für die charismatische Bewegung meldete sich J. Lee Grady, Chefredakteur des US-amerikanischen Magazins Charisma, zu Wort. Grady glaubt, dass Bell kein Universalist ist, weil "er nicht autoritativ schreibt. Er grübelt, gibt Hinweise, spekuliert und legt mögliche Ansichten dar, um keinem ein Anstoß zu sein. Anstelle einer Verkündigung mit klaren Überzeugungen, lädt er seine Leser zu einem 'Gespräch' ein. Er gibt sich freundlich und weicht Konfrontation aus."

Doch Grady erkennt durchaus die Gefahren, die mit Bells Buch verbunden sind und warnt: "Aufgrund von Bells Popularität könnte das Buch Love Wins die amerikanische Gemeinde in gefährliche Wasser lotsen." Grady wirft Bell vor, dass er die Botschaft des Heils trivialisiert, indem er die ernste Botschaft von Gottes Gerechtigkeit außer Acht lässt. "Die Essenz des Evangeliums ist, dass Jesus kam, um uns vor der ewigen Trennung von Gott zu bewahren," so Grady. Aus der Sicht Gradys geht aus Bells Buch nicht hervor, dass Jesus Christus der einzige Weg zum Heil ist. Die Apostel verkündigten, dass es kein Heil außer in dem Namen Christi gibt. Grady stellt Bell die Frage: "Waren auch sie engstirnige Fundamentalisten?" Überdies kritisiert Grady an Bells Buch, dass es Christen und Missionare ins Lächerliche zieht, die ihren Glauben weitergeben.

Gradys abschließendes Urteil über dieses Buch lautet: "Ich kann das Buch Love Wins nicht empfehlen. Die Lehren über den Himmel, die Hölle, das Heil und ewige Verdammnis sind zu ernsthaft, um leichtfertig über sie hinwegzusehen. Möge der Herr uns helfen, in einer Stunde des geistlichen Kompromisses für ein wahrhaft neutestamentliches Evangelium einzutreten."

Die wohl schärfste Verurteilung von Rob Bells Buch kommt aus dem konservativen Lager. John MacArthur schrieb über Bells neuestes Buch:

„Unser Herr erwartet von seinen wahren Jüngern, dass sie in der Lage sind, geistige Blender und Wölfe im Schafspelz zu erkennen – insbesondere jene, die todbringende, falsche Lehren verbreiten.

Rob Bell gehört sicherlich in diese Kategorie. Unaufhörlich sät er Zweifel an der Autorität und Zuverlässigkeit der Schrift. Er leugnet die Klarheit der Bibel, meidet harte biblische Wahrheiten und zieht einige der wichtigsten Merkmale des Evangeliums ins Lächerliche…

Der historische Evangelikalismus hat stets die Autorität, Irrtumslosigkeit und Allgenugsamkeit der Schrift vertreten und (wie Jesus und die Apostel) für die gefallene Menschheit das erlösende Werk Christi als einzigen Heilsweg und verkündet…

Rob Bell glaubt an keinen dieser Punkte. Sein Skeptizismus über so viele grundlegende biblische Wahrheiten, sein Vorliebe, in seinen Zuhörern Zweifel zu säen, und seine offenkundige Abneigung für die Prinzipien göttlicher Gerechtigkeit, wie die Schrift sie lehrt, machen deutlich, dass er zu dieser Art von falschen Lehrern gehört, vor der uns die Schrift warnt.“

MacArthur charakterisiert ihn weiter als einen „Synkretisten,“ der östlichen Mystizismus und Humanismus unter dem Schein eines „progressiven“ Evangelikalismus mit der Lehre der Schrift vermischt. Seine Vorstellungen sind voll von den Auffassungen der liberalen Theologie, eine „menschenzentrierte Religion, der es völlig an Klarheit und biblischer Autorität“ mangelt.

Nach diesem kurzen Streifzug durch die Reaktionen der evangelikalen Welt auf Rob Bells Buch Das letzte Wort hat die Liebe ist es kaum zu vermitteln, warum ein solches Buch empfohlen werden sollte. Der unreife Leser mit einem Mangel an geistlichem Unterscheidungsvermögen wird das Buch nach seiner Lektüre verwirrt aus den Händen legen. Wenn Bell aus der Sicht eines Pastors und nicht als Theologe schreibt, wie McKnight sagt, dann ist es besser, auf gut fundierte Literatur zurückzugreifen, um sich in der Thematik, die dieses Buch behandelt, kundig zu machen.

Bell zerschneidet die Einheit von Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit. Statt Antworten zu geben, wirft er neue Frage auf. Die Überbetonung von Gottes Liebe mag dem postmodernen Denken und Fühlen entgegenkommen und für niemanden mehr ein Anstoß sein. Tiefergehende Antworten auf die Fragen, warum Christus am Kreuz sterben musste, was Sünde und Sündhaftigkeit ist und wie diese laut Bibel getilgt werden und wie sich die Liebe Gottes zu seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit verhält, wird man in Bells Buch nicht finden.

A. W. Tozer schrieb schon vor Jahrzehnten: „Prüfet die Geister ist ein Gebot des Heiligen Geistes an die Gemeinde. Ob wir einer Täuschung unterliegen oder ob wir das Wahre verwerfen, ist eine gleich große Sünde. Und der gegenwärtige Trend, sich zu weigern, eine Position zu beziehen, ist nicht die Lösung für das Problem.“ Keine Position in Bezug auf das Buch von Rob Bell beziehen zu wollen, ist mit dem biblischen Gebot des Prüfens nicht vereinbar. Bells Buch ist in den USA ein Bestseller und wird sicherlich auch hier von vielen gelesen werden.

Wenn Bell ein "exzellenter Kommunikator" sein soll, wie auch Tidball schreibt, warum kommuniziert Bell nicht klar und deutlich, was er glaubt. Bell will das Evangelium in einer postmodernen Weise kundmachen, laut Tidball "an sich nicht verkehrt." Doch das postmoderne Denken scheut sich ja geradezu davor, absolute Aussagen zu treffen und erweist sich bestimmt als kein guter Führer auf der Suche nach der Wahrheit. Es ist nicht unsere Aufgabe als treue Verwalter der Wahrheit des Evangeliums, die Botschaft Gottes dem postmodernen Menschen relevant zu machen, sondern wir müssen uns der ewig-göttlichen Relevanz des Evangeliums beugen.