7 Gründe, warum Gemeinden sterben

 

Keiner redet gern darüber, warum Gemeinden sterben. Bernhard Kanwischer und Reinhard Spincke haben es getan - in ihrem Buch "Das Gemeinde-Comeback".

 

Die beiden Bundessekretäre im Bund Freier evangelischer Gemeinden haben mit "Gemeinde-Comeback - Wie Ihre Gemeinde neu aufblüht" ein Buch veröffentlicht, das schrumpfende und sterbende Gemeinden unter die Lupe nimmt. Sie meinen: Verdrängen ist falsch und hilft niemandem weiter.

 

Auch wenn es sich widersprüchlich anhört: Die Zahl schrumpfender Gemeinden in Deutschland wächst! Trotz aller Gemeindewachstumsliteratur, missionarischer Kongresse und neuer Gemeindemodelle. Trotz einer neuen religiösen Sehnsucht in unserer Gesellschaft und einem neuen Interesse der Medien am Thema „Christlicher Glaube“. Davon sind nicht allein die Landeskirchen betroffen, sondern auch die Freikirchen. Der Bevölkerungsrückgang wird ab dem Jahr 2010 deutlich zu spüren sein und die bisherigen Schrumpfungstendenzen der Kirchen noch dramatisch verstärken.

 

Auch Freikirchen verlieren

 

Obwohl die Mitgliederzahlen innerhalb der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) insgesamt weiter ansteigen, erleben einige klassische Freikirchen seit längerer Zeit einen Mitgliederrückgang. Trotz dieser längerfristigen Entwicklungen sind bisher kaum gravierende Reaktionen und Veränderungen zu erkennen. 

 

Bilden die FeGs eine Ausnahme?

 

Anders als andere Freikirchen, hat der Bund Freier evangelischer Gemeinden (BFeG) zumindest ein ordentliches Wachstum zu verzeichnen. Aber: Trotz der insgesamt erfreulichen Tendenz im Bund mit knapp fünfzig Prozent deutlich wachsender Gemeinden stagniert oder schrumpft die andere Hälfte der Gemeinden. Von 1994 bis 2008 sind 27 Gemeinden im Bund geschlossen worden (= 1,8 Gemeinden pro Jahr). Ohne die ständigen Neugründungen und Neuaufnahmen hätte es auch im Bund der FeGs kein Wachstum gegeben. 

 

7 Gründe, warum Gemeinden schrumpfen und sterben

 

Obwohl die Entwicklung von Gemeinden sehr individuell ist, und obwohl das Sterben einer Ortsgemeinde auch kein kirchengeschichtliches Gesetz ist, lassen sich doch einige Prozesse und Gründe beschreiben, wie das Sterben von Gemeinden vor sich geht. 

 

1. Die demografische Entwicklung

 

Dass die demografische Entwicklung unseres Landes Einfluss auf die Gemeinden haben wird, ist unausweichlich. Im Jahr 2050 wird demgegenüber nur etwa die Hälfte der Bevölkerung im Erwerbsalter sein, während über dreißig Prozent 65 Jahre oder älter und circa 15 Prozent unter zwanzig Jahre alt sein werden. 

 

Erstaunlich ist, dass es immer wieder Gemeinden gibt, denen es gelingt, gegen den Trend in ihrer direkten Umgebung zu wachsen. Meist haben diese Gemeinden sich mit den Veränderungen auseinandergesetzt, die ein Bevölkerungsrückgang in vielen Gegenden mit sich bringt: 

 

- wenig Angebote für Kinder, Jugendliche und junge Familien

- sozial schwächere Familien und Singles ziehen in die Umgebung, während wohlhabendere Gemeindemitglieder wegziehen

- steigender Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund

 

Gemeinden, die die demografischen Veränderungen nicht verschlafen wollen, sollten sowohl spezielle Angebote für ihren Stadtteil machen als auch für Kinder, Jugendliche und junge Familien. Voraussetzung hierfür ist ein gutes Miteinander der Generationen und die Bereitschaft, nicht die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Darüber hinaus stellen natürlich auch ältere Menschen eine wachsende missionarische Zielgruppe dar.

 

2. Zerstörerische Konflikte

 

Während Konflikte in jeder Gemeinde vorkommen, gerade auch in dynamisch wachsenden Gemeinden, zeichnen sich stagnierende und schrumpfende Gemeinden dadurch aus, dass Konflikte nicht produktiv genutzt werden, sondern eine lähmende und zerstörerische Wirkung haben. Zerstörerisch werden Konflikte in Gemeinden immer dann, wenn nicht Sachfragen, sondern Machtfragen und persönliche Animositäten eine große Rolle spielen. Wir streiten oftmals nicht um die richtigen Themen und auch nicht mit den richtigen sachlichen und geistlichen Mitteln. 

 

Erstaunlich ist leider auch das Elefantengedächtnis, das manche Christen bei Konflikten entwickeln. Dies führt dazu, dass Konflikte, die zehn Jahre zurückliegen und eigentlich beigelegt waren, bei einer neuen Sachfrage blitzschnell neu aufgewärmt werden. Guten Appetit! Gerade kleineren und rückläufigen Gemeinden muss auch klar sein, dass zerstörerische Konflikte die Existenz der Gemeinde infrage stellen. 

 

3. Probleme in der Leitung der Gemeinde

 

Ein mehrfacher schneller Wechsel bei Pastoren oder auch bei ehrenamtlichen Gemeindeleitern wirkt sich in aller Regel nicht positiv aus. Da Gemeinden vom Vertrauen leben und dieses wachsen muss, ist Konstanz in einer Gemeindeleitung meist ein Plus – es sei denn, es handelt sich um schwache oder unfähige Leitungspersonen. Leider haben etliche schrumpfende Gemeinden Probleme, überhaupt Leiter zu finden. 

 

Einige Gemeinden haben eine ausgeprägte Tradition darin, ihren Leitern so viel Arbeit aufzuhalsen und sie ständig zu kritisieren, dass diese in regelmäßigen Abständen die Segel streichen. Wir müssen in unseren Gemeinden dahin kommen, dass Leiter und Leitung Wertschätzung erfahren und nicht einer Dauerkritik ausgesetzt sind. 

 

4. Unangemessene Strukturen und Programme

 

Ein weiterer wesentlicher Grund für die negative Entwicklung von Gemeinden liegt darin, dass diese sich in Sprache, Gestalt und Programm nicht weiter entwickelt haben, sondern auf dem Stand der Siebziger-oder Achtzigerjahre stehengeblieben sind. Natürlich können und müssen gerade kleinere Gemeinden nicht auf jede gesellschaftliche Veränderung sofort eine umfassende, kompetente Antwort geben. Aber sie müssen einerseits zumindest die Lebenssituation ihrer Zeitgenossen verstehen und andererseits neuen Menschen durch Beziehungen und Strukturen die Gelegenheit geben, wirklich Teil ihrer Gemeinschaft zu werden. 

 

5. Fehlende geistliche Gesundheit

 

Kann man die geistliche Gesundheit einer Gemeinde tatsächlich messen? Wir versuchen mit einer Frage zu beschreiben, worum es bei diesem Punkt geht: Entspricht die geistliche Basis und Praxis der Gemeinde noch dem Neuen Testament? Das Problem beim Thema geistliche Gesundheit ist, dass geistlich erkrankte Gemeinden meist nicht allein in der Lage sind zu gesunden. Sie bräuchten eigentlich geistlich gesunde Menschen von außen, doch diese schließen sich meist eher anderen Gemeinden an oder gründen eine neue Gemeinde, als sich in einer alten und kranken Gemeinde zu engagieren. Hier tragen die Leitungsgremien der Kirchen und Gemeindebünde eine besondere Verantwortung, um solchen Gemeinden einerseits den Ernst ihrer Lage vor Augen zu malen und andererseits die nötige Hilfestellung zu bieten. 

 

6. Mangelnde missionarische Begeisterung

 

Gemeinden, die langfristig stagnieren oder  rückläufig sind, brauchen neue missionarische Begeisterung. Dies ist auch unter Freikirchen längst nicht mehr selbstverständlich. Als die Bundesleitung der Freien evangelischen Gemeinden im Jahr 2005 die Vision verabschiedete, in 10 Jahren 100 neue Gemeinden gründen zu wollen, löste diese manche Fragen aus:

 

- Warum werden immer Evangelisation und Gemeindegründung in den Vordergrund gestellt?

- Was ist mit alten Gemeinden?

- Was ist mit der gesellschaftlichen Verantwortung der Christen? 

 

Bei rückläufigen und damit meist überalterten Gemeinden hören wir oft die Sorge älterer Gemeindemitglieder: Wer kümmert sich um uns, wenn wir jetzt nur noch von Evangelisation reden? 

 

Bei allem Verständnis dafür, dass auch ältere Gemeindemitglieder Begleitung brauchen und ihre geistliche Heimat behalten sollen, müssen sie sich die Alternativen klar vor Augen führen: Wollen wir, dass alles bleibt, wie es ist, und wir als Gemeinde mehr und mehr schrumpfen, bis der Letzte das Licht ausmacht – oder sind wir bereit, Veränderungen zu akzeptieren, damit neue Menschen zu Jesus finden und auch die Gemeinde Zukunft hat?

 

7. Räumlichkeiten und Finanzen

 

Zu den Gründen, die zur Stagnation und zum Rückgang bei Gemeinden führen können, gehören auch der unangemessene Umgang mit Räumen und Finanzen. Manche Gemeinden schleppen ein viel zu großes und sanierungsbedürftiges Gemeindehaus mit in ihre Zukunft, das längst nicht mehr attraktiv ist, den Charme vergangener Jahrzehnte ausstrahlt, meist hohe Energiekosten verursacht und ständig repariert werden muss. Das Thema Gemeindehaus frisst einen Großteil der finanziellen und zeitlichen Ressourcen von Gemeindeleitung und Gemeinde. 

 

Eine Gemeinde im Ruhrgebiet hat daraus die Konsequenzen gezogen und ihr altes, sanierungsbedürftiges Gemeindehaus verkauft. Sie trifft sich nun in einer öffentlichen Schule. Daraus ergeben sich gleich mehrere Vorteile: 

 

- Eine zeit-, geld- und kraftraubende Grundsanierung des Gemeindehauses wurde umgangen.

- Die Gemeinde trifft sich nun in einer öffentlichen Schule und hat dadurch neue Kontakte knüpfen können. Die Aula der Schule wirkt viel einladender als der alte, muffige Gemeindesaal.

- Das Geld für den Verkauf von Grundstück und Haus konnte so angelegt werden, dass auch künftig eine volle Pastorenstelle und damit ein missionarisches Profil der Gemeindearbeit gewährleistet ist.

 

Zu Recht weist man heute darauf hin, dass die Christen in den ersten Jahrhunderten völlig ohne Gemeindehäuser ausgekommen sind und doch missionarisch sehr aktiv und wirkungsvoll waren. Mit der Nutzung säkularer Räume haben sie und andere durchaus positive missionarische Erfahrungen gemacht. 

 

Dieser Beitrag ist die gekürzte Fassung des Artikels "Warum Gemeinden manchmal sterben" aus Christsein heute (August 2010)