Eine gesunde Selbsteinschätzung

 

Max Lucado

 

1. Korinther 4,7:

Denn wer gibt dir den Vorzug? Was besitzest du aber, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, wie wenn du es nicht empfangen hättest?

 

Am Anfang unseres geistlichen Weges sind wir ganz klein. Wenn wir uns für ein Leben mit Jesus Christus entscheiden, dann ist das ein ganz demütiger Akt. Wir bekennen unsere Schuld, bitten um Gnade, beugen die Knie. Wir lassen uns in der Taufe von jemand anderem untertauchen. Wir beginnen ganz bescheiden. Als schüchterne Kinder, die unserem sündlosen Gott schmutzige Händchen hinstrecken. Wir fühlen uns mit dem Dieb am Kreuz verbunden, ahnen, wie David sich wohl gefühlt haben muss, als Gott ihm seinen Ehebruch vergab, und schöpfen Hoffnung aus Petrus’ vergebenem Treuebruch. Wir erheben Anspruch auf Paulus’ Titel des Obersünders und fragen uns, ob es wohl noch jemand gibt, der Gnade so nötig braucht und so sehr schätzt wie wir.

 

Wir kommen demütig zu Gott. Keine stolzgeschwellte Brust, keine Prahlerei, kein „Ganz allein geschaft“-Getöne. Wir lassen keine Muskeln spielen und rühmen uns keiner Errungenschaften. Wir tragen unser besudeltes Herz in Händen und halten es Gott hin, als würden wir ihm eine zerdrückte Blume anbieten: „Kannst du das bitte zum Leben erwecken?“

 

Und das tut er. Er tut es. Nicht wir. Er bewirkt das Wunder der Errettung. Er überschüttet uns mit Erbarmen. Er flickt unsere zerrissenen Seelen. Er gibt uns seinen Geist und schenkt uns himmlische Gaben. Unser großer Gott segnet unseren kleinen Glauben.

 

Wir verstehen, wie die ollen verteilt sind. Er ist die Milchstraßengalaxie. Wir sind die Sandflöhe. Er ist „U2“ und wir sind die Garagenband aus der Nachbarschaft, und das ist okay. Wir brauchen einen großen Gott, weil wir aus unserem Leben ein großes Schlamassel gemacht haben.

 

Nach und nach verändert unser großer Gott uns. Und so stellen wir dankbar fest, dass wir nicht mehr so oft unseren Begierden auf den Leim gehen, dass wir mehr lieben, weniger austeilen, mehr himmelwärts schauen. Wir bezahlen unsere Rechnungen, verhalten uns aufmerksamer unseren Ehepartner gegenüber, sind unseren Eltern gegenüber respektvoll. Die Menschen bemerken den Unterschied. Sie loben uns. Befördern uns. Bewundern uns. Berufen uns. Wir wagen es, Akzente zu setzen. Wir – die wir als Sünder, befleckt und klein zu Christus kamen – vollbringen etwas. Wir errichten Waisenhäuser, leiten Unternehmen, befreien die Verwirrten von Depressionen und die Kranken von Krankheiten. Ja, wir schreiben sogar Bücher. Wir fühlen uns gar nicht mehr so klein. Man redet mit uns, als wären wir etwas Besonderes.

„Sie haben großen Einfluss.“

„Wie stark doch Ihr Glaube ist.“

„Wir brauchen solch vollmächtige Heilige wie Sie.“

 

Fühlt sich gut an. Lobeshymnen werden zu Leitersprossen und wir steigen auf. Wir legen unsere Kleinheit ab, werfen die Clark-Kent-Brille in den Müll und legen das Superman-Kostüm an. Wir vergessen. Wir vergessen, wer uns bis hierhergebracht hat.

 

Wir benehmen uns wie die Zecke im Ohr des Elefanten. Das große Tier brach aus der Herde aus und donnerte über eine Holzbrücke. Die altersschwache Brücke ächzte und stöhnte und brach unter dem Gewicht beinahe zusammen. Als sie auf der anderen Seite waren, erklärte die Zecke mit stolzgeschwellter Brust: „Junge, Junge, die Brücke haben wir aber ordentlich zum Wackeln gebracht.“

 

Wir denken, wir vollbringen etwas Weltbewegendes, und dabei sind wir nur Trittbrettfahrer.

 

Nehmen Sie sich die Zeit, sich zu erinnern. „Schaut euch selbst an, liebe Brüder und Schwestern! Sind unter euch, die Gott berufen hat, wirklich viele, die man als gebildet und einflussreich bezeichnen könnte oder die aus einer vornehmen Familie stammen?“ (1. Kor 1,26). Denken Sie daran, wem Sie am Anfang alles zu verdanken hatten. Und denken Sie daran, wem Sie heute alles zu verdanken haben.

 

(Ein Auszug aus dem Buch „Du machst den Unterschied“ Seite 126-128)