Jeder

 

Kyle Idleman

 

Weißt du, woher wir etwas über Matthäus’ Vergangenheit als Zöllner wissen? Weißt du, woher wir wissen, dass seine Freunde Prostituierte, Trinker und Diebe waren? Wir wissen das alles nur, weil Matthäus es uns erzählt. Er führt uns ins Wohnzimmer und zeigt uns den Fleck auf dem Sofa und erzählt uns die Geschichte, wie er Liebe und Barmherzigkeit erfahren hat.

 

Als Jesus Matthäus einlud, ihm nachzufolgen, machte er klar, dass diese Einladung nicht nur der religiösen Elite, denjenigen, die ein untadeliges Leben führten, und denen, die alles im Griff hatten, galt. Es ist eine Einladung an uns alle, die wir irgendwelche Flecken verbergen. Um zu Jesus zu kommen, muss man nicht zur Elite gehören; er spricht eine offene Einladung aus.

 

Hast du schon einmal amerikanische Werbespots von Autohändlern gesehen, in denen es heißt: „Hier kann jeder ein Auto kaufen!“ Aber wenn du genauer hinschaust, entdeckst du hinter dieser Aussage ein Sternchen. In der Fußnote mit diesem Sternchen stehen drei Buchstaben: „W.A.C.“ Diese drei Buchstaben bedeuten: With Approved Credit. Das heißt: „mit bewilligtem Kredit“.

 

Das meinen diese Werbeanzeigen mit Jeder.

Jeder, der die Voraussetzungen erfüllt.

Jeder, der den Bewerbungsprozess besteht.

 

Wenn wir in Jesu Einladung lesen: „Wer mir nachfolgen will …“, erwarten wir unwillkürlich ein Sternchen dahinter. Selbst wenn Jesus, als er diese Worte aussprach, diese Einladung ohne irgendwelche Einschränkungen gemeint hat, hat die Kirche im Laufe der Jahre allem Anschein nach ein Sternchen hinter seine Einladung gesetzt. Auf dem Schild am Kircheneingang steht: Jeder ist herzlich willkommen. Aber wenn man genauer hinschaut, findet man ein Sternchen. Und es stellt sich heraus, dass mit Jeder Menschen gemeint sind, die ihr Leben im Griff haben und keine sichtbaren Probleme haben. Unter Jeder werden nicht die Menschen verstanden, die mit Abhängigkeiten kämpfen oder eine Scheidung hinter sich haben. Jeder bedeutet Menschen, die sich entsprechend kleiden. Jeder bedeutet Menschen mit einem bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund, die einer bestimmten politischen Partei nahestehen und einen bestimmten Musikgeschmack haben.

 

 

Das passiert manchmal in unseren Gemeinden. Wir sagen: „Jeder kann Jesus nachfolgen.“ Aber wir meinen nicht wirklich jeden. Vor kurzem erhielt ich einen Brief von einer Frau aus unserer Gemeinde, die von einem Erlebnis erzählte, das sie am Wochenende gehabt hatte:

 

Es war ungefähr fünf Minuten vor Gottesdienstbeginn. Eine junge Frau, die schätzungsweise Ende zwanzig oder Anfang dreißig war, kam mit ihrem zehnjährigen Sohn auf mich zu. Ihr Blick ließ mich an ein Reh denken, das in die Scheinwerfer eines Autos starrt. Sie war noch nie hier gewesen, und es war unübersehbar, dass sie ausgesprochen nervös war. Ich führte sie zu dem Raum, in dem der Kindergottesdienst stattfand. Unterwegs erzählte sie mir, dass sie vor sechs Jahren geschieden worden sei und dass sie danach in der Gemeinde, in die sie gegangen war, nicht mehr willkommen gewesen sei. Seit damals war sie nicht mehr in einer Kirche gewesen. Die Schuldgefühle und die Angst waren ihr anzuhören. Sie zitterte nervös. Ich erzählte ihr, dass auch ich geschieden sei und dass ich wisse, wie schwer es sei, alleinerziehend zu sein. Als ihr Sohn im Kindergottesdienst verschwunden war, fragte ich sie, ob sie sich im Gottesdienst neben mich setzen wolle. Als sie meine Einladung hörte, fragte sie: „Darf ich dort hineingehen?“ Sie deutet zum Gottesdienstraum. „Ich bin doch kein Mitglied.“ Ich sagte ihr, dass sie natürlich hineingehen dürfe.

 

Als wir zu unseren Plätzen kamen, hatte der Gottesdienst bereits begonnen, und alle waren aufgestanden und sangen. Nach dem Lied betete der Lobpreisleiter. Seine ersten Worte lauteten: „Gott, danke, dass du uns errettet und vergeben kannst, egal, wohin uns unser Weg im Leben geführt hat.“ Als sie das hörte, begannen ihre Tränen zu fließen und versiegten während des gesamten Gottesdienstes nicht. Ich konnte sehen, wie ihre Angst und die Schuldgefühle davonflossen. Am Ende des Gottesdienstes hast Du eine Einladung ausgesprochen und alle, die ihr Leben Jesus anvertrauen wollen, aufgefordert, zu Dir nach vorne zu kommen. Dann standen wir zu den letzen Lobpreisliedern vor dem Ende des Gottesdienstes auf. Gegen Ende des ersten Liedes wirkte sie ein wenig unruhig, und ich vermutete, dass sie es wahrscheinlich nicht erwarten konnte, ihren Sohn abzuholen und zu ihrem Auto zu gehen. Ich drehte mich zu ihr um und wollte sie fragen, ob sie gehen wolle, aber noch bevor ich den Mund aufmachen konnte, sagte sie: „Muss ich durch den Gang dort nach vorne gehen und mit ihm sprechen, wenn ich diese Entscheidung treffen will?“ Ich antwortete ihr, dass das ein guter Anfang sei. Sie meinte nur: „Ich will das machen.“ Ich erkundigte mich, ob ich sie begleiten solle, und sie sagte: „Ja.“ Also gingen wir gemeinsam nach vorne.

 

Den Rest der Geschichte kann ich weitererzählen. Ich begrüßte sie vorne und sah die Tränen in ihren Augen. Sie beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr: „Ich weiß nicht, ob es mir erlaubt ist, diese Einladung anzunehmen. Ich wurde vor einigen Jahren geschieden, und meine alte Gemeinde will mich nicht mehr haben.“ Sie war am Tor angehalten worden, und man hatte ihr gesagt, dass sie nicht die richtigen Qualifikationen mitbrachte. Das Kissen wurde umgedreht, und jemand behauptete, dass ihr Fleck zu groß sei.

 

Jesus hat jeden eingeladen, ihm nachzufolgen, aber wenn sie in die Gemeinden kommen, stellen manche Menschen fest, dass hinter der Einladung ein Sternchen steht. Ihnen wird vermittelt: Wir müssen dich hereinlassen, weil Jesus uns das gesagt hat, aber wir werden dich genau im Auge behalten. Ich frage mich, ob es den anderen Jüngern auch so ging, als Jesus Matthäus einlud: Wie steht es um seine Qualifikationen? Was ist mit seiner Vergangenheit? Jesus, du meinst doch bestimmt nicht wirklich jeden? Aber wenn Jesus jeden sagt, meint er wirklich jeden.

 

(Ein Auszug aus dem Buch „not a fan.“ Seite 158 – 162)