Wer bist du, Herr?

Joh 14,9:

Jesus spricht zu ihm: So lange bin ich bei euch und du kennst mich nicht, Philippus?

 

Es ist eine interessante Frage. Man kann fast etwas Enttäuschung aus der Frage raushören. So viel Zeit miteinander verbracht. So viele gemeinsame Aktivitäten unternommen. Und du kennst mich nicht, fragt Jesus den Philippus. Kann das wirklich passieren?

 

Manchmal wünscht man sich damals gelebt zu haben. Es mit eigenen Augen gesehen zu haben. Jesus persönlich erlebt zu haben. Man bildet sich ein, dass der Glaube dann viel tiefer, stärker, größer und reifer wäre. Wenn man gesehen hätte wie Jesus mit den Leuten sprach. Wie er ihnen geholfen hat. Wie er geheilt hat. Wie er sich Zeit für die Menschen nahm. Wie er betete. Wie er das Brot teilte und es weitergab. Das wäre doch was? Es miterlebt zu haben. Natürlich ist das ein interessanter Gedanke. Doch die andere Seite der Medaille wäre aber auch da. Wir wären in der Kultur damals verankert. Wir würden Jesus und das ganze Geschehen mit ganz anderen Augen sehen. Und ob wir Jesus wirklich besser verstehen würden bezweifle ich. Ich glaube, wir würden uns genauso an so vielem an ihm stören. Er schien ein Rebell zu sein. Denn er hat sich nicht an die Vorschriften der Gelehrten gehalten. Er hat sich oft mit ihnen angelegt. Die Tradition war ihm auch nicht heilig. Und das geht schon mal gar nicht. Ich hätte mich genauso über ihn geärgert, wenn ich gesehen hätte wie er den Sabbat bricht. Wie er über sich spricht und Gott zu seinem Vater erklärt. Es wäre für mich als ein frommer nämlich eine Gotteslästerung. Ich wäre sehr empört darüber. Auch dass Jesus aus Galiläa kommt, hätte mir zu denken gegeben. Es gibt einfach zu viele Kanten an Jesus die mich stören würden. Natürlich hätte ich auch die guten Seiten gesehen. Ich hätte die Wunder miterlebt. Es hätte mich zum nachdenken gebracht. Denn einige der Wunder hätte eigentlich nur der Messias vollbringen können. Ich hätte mich mit anderen darüber unterhalten und sehr eifrig mitdiskutiert. Und es wäre sehr schwierig für mich Jesus in die richtige Schublade zu stecken. Und genau deshalb will ich nicht über die Menschen von damals ein Urteil fällen. Es gab einfach viel zu viel, was sie an Jesus auch störte. Wir sehen ja nur einige Augenblicke aus dem Leben von Jesus und bilden uns ein Urteil aus der Sicht von heute. Nur war es damals nicht so einfach. Um ehrlich zu sein, es ist auch sehr schwer sich in die Lage von damals sich hineinzuversetzen. Es sind immerhin knapp 2000 Jahre her! Und es war eine ganz andere Kultur! Es war in Israel! Und es waren Juden! Fällen wir lieber kein zu schnelles Urteil. Wir verstehen ja nicht mal immer unsere eigene Kultur. Es vergeht nur eine Generation und wir können schon mit den Traditionen nichts anfangen, weil sie uns so unbedeutend erscheinen.

 

Und deshalb frage ich mich, ob ich Jesus wirklich kenne. Denn manchmal bilde ich mir schon ein, ihn ganz gut zu kennen. Und dann gibt es Momente in meinem Leben, wo ich ihn überhaupt nicht mehr verstehe. Ich glaube wir sehen ihn noch ziemlich verschwommen. Wie durch ein Milchglas. Aber es wird der Tag kommen an dem ich vor ihm stehen werden und ihn wirklich sehen wie er ist.